Inhalatives Analgetikum erlebt eine Renaissance

Das Lachgas (N2O) erlebt seit einigen Jahren eine Renaissance, so der Anästhesist Prof. Dr. med. Jörg Weimann, vom Sankt Gertrauden Krankenhaus, Berlin,  anlässlich des Pressestammtisches der Münchner Medizinjournalisten im Dezember 2014.

Lachgas wurde jahrzehntelang zur Narkose verwendet und fand in den 1970er Jahren in der Anästhesie keine Anwendung mehr. Seit 2008 stellt die Firma Linde Gas Therapeutics GmbH, Unterschleißheim, wieder ein O2 – N2O als 50%:50% Gemisch unter dem Namen Livopan® den Ärzten für die Analgesie zur Verfügung.

Livopan® ist ein farbloses und geruchloses medizinisches Gasgemisch, das analgetisch sehr gut wirksam ist. Die Wirkung tritt nach wenigen Minuten der Inhalation über eine spezielle Maske ein und lässt nach, sobald die Insufflation abgesetzt wird. Livopan® bewirkt eine Sedation bei erhaltendem Bewusstsein. Die Schutzreflexe des Körpers bleiben weiterhin vorhanden.

Geburtshilfe

Analgesie bei Wehenschmerzen
Analgesie bei Wehenschmerzen


Bei Geburten wird der Geburtsschmerz nicht völlig ausgeschaltet, sondern nimmt vielmehr den Wehen die Spitzen. Der Schmerz wird zwar gespürt, jedoch deutlich gelindert, so Weimann. Die Gebärende hält die Maske selbst und dosiert durch den eigenen Atemhub die analgetische Wirkung. In dem Vivantes Klinikum Neukölln, Berlin, ist Livopan® bei etwa 500 Geburten erfolgreich angewendet worden. Die Patientinnen können selbstständig die Schmerzspitzen der Wehen günstig beeinflussen und schätzen diese Analgesie sehr. Rechtzeitig vor der Wehen eingeatmet überbrückt die schmerzlindernde Wirkung die Wehenspitzen.

Livopan® ist eine mögliche Alternative zur Peridual-Anästhesie (PDA). Seit 2013 findet das inhalative Analgetikum Anwendung an der Universitäts-Frauenklinik in Tübingen. Es wird dann eingesetzt, wenn aus medizinischen, wie etwa einer Thromboseprophylaxe, keine PDA indiziert ist oder wenn eine PDA von der Frau abgelehnt wird. Dr. Jan Pauluschke-Fröhlich: „Die Anwendung verläuft bei uns reibungslos und wird je nach Schmerzintensität alternativ oder parallel zu den bekannten Verfahren eingesetzt“.
Bei Hausgeburten in England wird das Lachgasgemisch bei der Geburtshilfe von den Hebammen verwendet. Auch in den skandinavischen Ländern findet diese Sedierungsform bei zahlreichen medizinischen Eingriffen Anwendung.

Pädiatrische Notfallversorgung

Auch in der klinischen Notfallaufnahme ist der Einsatz von Livopan® indiziert. Kleine Patienten überstehen kleine chirurgische Eingriffe, wie das Legen einer Kanüle oder eine Lumbalpunktion, sehr gut, so Professor Weimann.

Mädchen mit Inhalationsmaske
Mädchen mit Inhalationsmaske

Gerade kleinere Kinder, die Schmerzen ausgesetzt sind, können Verhaltensauffälligkeiten in Form von vermehrtem Weinen, Hilfsbedürftigkeit oder Unruhe entwickeln. Die langfristigen Folgen von Schmerzerfahrungen unterstreicht die notwendige Schmerztherapie von Anfang an. Die Anwendung von Livopan® erfolgt in der interdisziplinären Notfallstation am Kinderspital in Zürich sehr erfolgreich, so der leitende Arzt Dr. med. Georg Staubli. „Sei es eine Wundreinigung, das Legen eines Katheders oder ein kleiner chirurgischer Eingriff. Die Kinder bleiben kooperativ und merken vom Geschehen nichts“.

Zahnheilkunde

Die Angst vor zahnärztlichen Eingriffen kann durch das Inhalieren von Livopan® genommen werden. Das Analgetikum stellt eine neue Dimension in der Schmerztherapie dar. Kinder und Angstpatienten profitieren von der inhalativen Analgesie. Besonders bei langwierigen Eingriffen bleibt der Patient entspannt und verkrampft nicht im Behandlungsstuhl.

Fazit

Die Einsatzgebiete haben sich in den vergangenen Jahren vervielfacht. Immer mehr Ärzte  sehen das Lachgas-Sauerstoff Gemisch als eine effektive Methode zur Schmerzlinderung. Ob in der Pädiatrie, Geburtsheilkunde oder Zahnheilkunde: Der Einsatz des altbekannten Lachgases erlebet eine Renaissance.

Jürgen Bause Medizinjournalist

Literaturauswahl:
https://www.youtube.com/watch?v=4x6hi60tsfM
Film cbctv Pressekonferenz

Bause, Jürgen: Neue Dimension in der Schmerztherapie. Dental Tribune 11/2008 Seite 14

Staubli, Georg: Livopan® in DrugReport Ausg. 5/2009, Thieme Verlag Stuttgart

Bildnachweis: Firma Linde Gas Therapeutics GmbH

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Mehr Patientenzufriedenheit durch individuelle Endoprothetik

Prof. Dr. Grifka mit einem Gastvortrag beim Medizinstammtisch in München

München. Jährlich werden in Deutschland etwa 450.000 Endoprothesen implantiert. Überwiegend sind es Hüftprothesen und künstliche Kniegelenke. Aber auch Schultergelenke und Sprung- und Ellenbogenprothesen. Etwa 3 Millionen Deutsche haben in den vergangenen zehn Jahren ein künstliches Hüft- oder Kniegelenk erhalten.
Vielfach müssen nach der Erstimplantation die Prothesen erneut operiert werden, so Professor Dr. med., Dr. hc. Joachim Grifka, von der Orthopädischen Klinik der Universität Regensburg in Bad Abbach.

Portrait Prof. Dr. Dr. h. c. Grifka 16.07.2014                                                               Prof. Grifka

Damit Nachoperationen reduziert, oder vermieden werden können, wurden in der Orthopädischen Klinik neue Operationsmethoden entwickelt. So ließen sich erneute Eingriffe um mehr als zwei Drittel reduzieren.
Eine deutschlandweite Bedeutung erlangte Prof. Dr. Tobias Renkawitz von der Klinik mit seinem Team für eine einen besonders muskelschonenden Zugangsweg mit einer exakten und individuellen Anpassung der künstlichen Gelenkkomponenten macht dem „Schlüssel-Loch-Prinzip“. Vergleichbar mit dem exakten ineinanderpassen eines Sicherheitsschlüssels in einem Sicherheitsschloss bilden dabei alle Teile des künstlichen Hüftgelenks eine biomechanisch-dreidimensional optimierte Einheit. Der Leiter der Sektion „Patientenindividuelle Endoprothetik“ und sein Team erhielten im Oktober 2014 den mit 50.000 Euro dotierten Oskar-Medizinpreis verliehen.

Navigationssystem für Hüftendoprothetik

Vor der Implantation eines künstlichen Hüftgelenks sind der Ausgleich von präoperativ bestehenden Beinlängendifferenzen und die Rekonstruktion der patientenindividuellen Biomechanik unabdingbar. Für den Hüftchirurgen gilt es also intraoperativ eine optimale Ausrichtung der Hüftpfanne und des Schaftes zu erreichen. Seit vielen Jahren wird dazu ein computergestütztes Navigationsverfahren während der Operation verwendet. Einer Arbeitsgruppe der Orthopädischen Klinik Bad Abbach ist es gelungen, ein nicht-invasives („pinless“) Navigationssystem für die computer-assistierte Hüftendoprothetik zu entwickeln. Bei dieser Methode müssen keine Drähte im Oberschenkel fixiert werden. Die Präzision der pinless Navigation liegt mit Abweichungen von unter einem Millimeter in einem Genauigkeitsbereich, der mit mechanischen Meßmethoden und/oder dem Augenmaß des Chirurgen nicht erreicht werden kann.

Knieendoptrothetik

Patientenindividuell produzierte Knieendoprothetik
Patientenindividuell produzierte Knieendoprothetik

 

Gegenüber der traditionellen Standardprothetik die in zahlreichen Kliniken Anwendung findet, geht man in Bad Abbach andere Wege, denn jedes Kniegelenk ist so einzigartig wie ein Fingerabdruck eines Menschen. Die zu verwendeten Implantate werden präoperativ den individuellen anatomischen Gegebenheiten des Patienten angepasst. Die Firma ConforMIS Europe GmbH passt teilweise oder vollständig die zu verwendenden Implantate mit der individuellen Größe und Form jedes einzelnen Kniegelenkersatzes an. Das Implantat sitzt präzise und entspricht der natürlichen und individuellen Form des Patientenknochens. Es bietet ein natürlicheres Gefühl. Die Implantate werden mit einer iFit Image-to-Implant Technologie der Firma ConforMIS hergestellt. Die Implantate werden der patientenindividuellen Anatomie entsprechend entworfen und maßgefertigt. Hierzu werden Algorithmen verwendet, um aus den CT-Daten ein 3D Modell zu erstellen, womit die Gelenkoberflächen der der erkrankte Bereich exakt dargestellt wird. Anhand dieses 3D-Modells werden anschließend sowohl die Implantate als auch das Instrumentarium für den Eingriff patientenindividuell entworfen und hergestellt. Die Vorteile sind signifikant:

Durch die patientenindividuelle Anpassung reduziert sich das Risiko postoperativer Schmerzen.

Es werden postoperativ bessere funktionale Ergebnisse erzielt.

Bei optimaler Erhaltung des Patientenknochens ist der Blutverlust gering.

Die maßgefertigten Implantate werden bedarfsorientiert in sterilen Einweg-Verpackungen geliefert. Dadurch bleibt den Kliniken die Einlagerung verschiedener Implantate von unterschiedlichen Anbietern erspart. Das vorsterilisierte Einmal-Instrumentarium verringert darüber hinaus das potentielle Infektionsrisiko.

Jürgen Bause

Quellen:
Prof. Dr. med. Joachim Grifka; 156 Gesprächsrunde der Münchner Medizinjournalisten  11. November 2014;
Jahresbericht 2014 der Orthopädischen Klinik Bad Abbach.
http://www.Operation-Endoprothetik.de

Jürgen Bause